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2019-09-15 06:43:24

Die Berlinische Galerie an der Alten Jakobstraße in Kreuzberg hat in letzter Zeit immer wieder mit interessanten Ausstellungen auf sich aufmerksam gemacht – kürzlich erst mit der kuratorisch kreativen, gegenwartszugewandten Schau „original bauhaus“, mit der im Rahmen der Art Week eröffneten Schau der Arbeiten Bettina Pousttchis, aber auch schon davor mit einer eindrucksvollen Präsentation von Bildern der deutsch-schwedischen Malerin Lotte Laserstein.

Weniger bekannt ist, welch inspirierende Schätze sich in den Depots der Galerie befinden. Als Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur verfügt das Haus über eine riesige Sammlung von ausgewählten Bild- und Planungsdokumenten ungebauter Projekte der Architekturmoderne in West-Berlin. Für alle öffentlichen Bauprojekte zwischen 1945 bis 1990 wurden Wettbewerbe ausgeschrieben, und der Großteil der eingereichten Vorschläge konnte aus den unterschiedlichsten Gründen nicht realisiert werden.

Spezifische Zeitgeist spiegelt sich wider

Dennoch spiegelt sich in den Entwürfen, die in der Berlinischen Galerie lagern, natürlich der spezifische Zeitgeist jener Jahre. Da gab es etwa den Vorschlag, das (1965 dann eröffnete) Europacenter am Charlottenburger Breitscheidplatz nicht in seiner heutigen Gestalt, sondern als organisches, beinahe außerirdisch wirkendes Ensemble mit vielen kugelhaften Rundungen zu bauen.

Oder die Ideen der „autofreundlichen Stadt“, die zum Beispiel ein gigantisches Stadtautobahnkreuz am Kreuzberger Oranienplatz vorsahen. Teils faszinierende, teils verstörende, aber allesamt interessante Dokumente wie diese werden derzeit mit vom Bundesbildungsministerium bereitgestellten Mitteln im Rahmen des Projekts „eHeritage“ digitalisiert – um so einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden.

Digitalisierung ist ein wichtiger Weg

Die Digitalisierung, also das professionelle, kuratorisch betreute Einscannen von Dokumenten, ist sicher ein wichtiger Weg, um die verborgenen Schätze der Berliner Museumssammlungen nicht in einem ewigen Dornröschenschlaf dahindämmern zu lassen. Aber was ist mit Skulpturen, Münzen oder anderen Objekten? Hier wird man sich weiterhin auf den Spürsinn der Archivare und Magazinleiter verlassen müssen.

Der Reiz eines Museums besteht ja auch in der Möglichkeit der Neuentdeckung und Rekombination solcher Schätze. Im Humboldt Forum zum Beispiel werden die Bestände der Ethnologischen Sammlungen unweit von Zeugnissen der Berliner Stadtgeschichte, darunter etwa die Beleuchtungsanlage aus dem „Palast der Republik“, aufeinandertreffen – eine interessante Frage, ob sich aus dieser Reibung inspirierende Funken ergeben werden.

Weiterhin aber wird für alle Berliner Museen gelten, dass nur ein winziger Bruchteil der Sammlungsbestände überhaupt gezeigt werden kann. Allein die Staatlichen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz haben zehn Millionen Objekte im Sammlungsbestand – sie alle zu zeigen, ist unmöglich. Auf dieser Doppelseite haben wir einige Schätze aus Berliner Museen zusammengestellt.

Die Anfänge der elektrischen Musik

Benedikt Brilmayer ist als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Musikinstrumenten-Museum an der Tiergartenstraße Kurator für elektronische Instrumente. Hier zeigt er ein im Jahr 1947 gebautes Heliophon, ein frühes, elektronisches Tasteninstrument. Der Konstrukteur hieß Bruno Helberger, kam aus Frankfurt und war seinerzeit ein bekannter Pianist. Er konstruierte zusammen mit dem Physiker Peter Lertes eine Reihe ähnlicher Instrumente – unter anderem, um selbst damit aufzutreten und Musik zu machen.

Dr. Benedikt Brilmayer, Kurator für elektronische Instrumente am Musikinstrumenten-Museum, zeigt ein Heliophon.Foto: Maurizio Gambarini/Funke Fotoservices

Später beendete er die Zusammenarbeit mit Lertes, ging nach Österreich und baute dort weitere Instrumente, für sein Heliophon beantragte er sogar ein eigenes Patent. Das hier zu sehende Exemplar ist zu fragil und auch zu selten, um es in der Ausstellung zu zeigen, sagt Brilmayer. Es müsste eigentlich unter Glas. Vielleicht ergibt sich aber in Zukunft noch eine Gelegenheit dafür. Der Bereich der elektronischen Musik am Musikinstrumentenmuseum soll ausgebaut werden.

Röntgen gegen Spitzel

Florian Schimikowski, Sammlungsleiter im Spionagemuseum am Leipziger Platz, zeigt ein tragbares Röntgengerät, das zur Spionageabwehr genutzt wurde. Mit seiner Hilfe konnten Abhöreinrichtungen wie zum Beispiel Wanzen ausfindig gemacht werden. Die Stasi nutzte solche Apparaturen, um ihre eigenen diplomatischen Vertretungen im Ausland auf Wanzen zu untersuchen. Momentan ist das Gerät zu groß für die Ausstellung, sagt Schimikowski, bei einem Umbau könnte es gezeigt werden.

Sammlungsleiter Florian Schimikowski vom Deutschen Spionagemuseum zeigt ein Röntgen-Gerät Osobniak-4, welches das MfS (die Stasi) in den achziger Jahren benutzt hatte.Foto: Maurizio Gambarini/Funke FotoservicesDie Geschichte einer Flucht

Jörg Waßmer ist Historiker am Jüdischen Museum an der Lindenstraße in Kreuzberg. Im Archiv des Hauses lagern etwa 1500 Sammlungen von jüdischen Familien. Im Bild zu sehen sind die Aufzeichnungen von Klaus Oliven, der 1918 in Berlin geboren wurde. Im Alter von acht Jahren begann Oliven mit gut lesbarer Handschrift Tagebuch zu führen und kommentierte als Jugendlicher auch das politische Geschehen.

Er absolvierte ab 1935 eine Gärtnerausbildung in Lichtenrade, war auch 1934/35 Steindruckerlehrling in Wedding. Die fortschreitende wie systematische Entrechtung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger im Nationalsozialismus ist anhand dieser wichtigen Quelle gut nachzuvollziehen. Oliven sah sich gezwungen, seine Heimat zu verlassen, er emigrierte nach Brasilien und starb 2010 in Porto Alegre.

Jörg Waßmer, Historiker am Jüdischen Museum Berlin zeigt Tagebücher des Berliner Juden Klaus Oliven.Foto: Maurizio Gambarini/Funke Fotoservices

Seine Kinder haben seine Aufzeichnungen, die bis ins Jahr 1946 reichen, dem Jüdischen Museum überlassen – eine Fluchtgeschichte, die eng mit der deutschen Zeitgeschichte verbunden ist. Jörg Waßmer schreibt übrigens auch einen sehr lesenswerten Blog für das Jüdische Museum, in dem er sich mit Fundstücken aus dem Archiv beschäftigt. Er kann im Netz unter der Adresse https://www.jmberlin.de/blog/author/ joerg-wassmer eingesehen werden

Das Leopardenfell, das Humboldt aus Sibirien mitbrachte

Steffen Bock ist Konservierungswissenschaftler und koordiniert am Museum für Naturkunde das Fellforschungsprojekt. Er zeigt hier das Fell eines Schneeleoparden, das Alexander von Humboldt 1829 von seiner Sibirien-Reise mitbrachte. Bock erforscht, auf welche Weise das Fell so präpariert wurde, dass es sich bis heute so gut erhalten hat. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert das Projekt am Museum für Naturkunde, bei dem historisch angewandte Konservierungsverfahren nachgestellt werden. Ihr Einfluss auf Zerfallsprozesse soll so untersucht werden.

Ein unsozialistisches Radio

Thorsten Krause, Registrar im Haus der Geschichte im Museum in der Kulturbrauerei, zeigt ein Radiogerät, dessen schnörkelloses Design heute durchaus zeitgeistfähig sein könnte. Es stammt aber aus der DDR, hieß „Stereo 72 IV“, wurde von Jürgen Peters gestaltet und vom „Institut für angewandte Kunst, Berlin“ hergestellt. Das Modell traf leider nicht den Geschmack der sozialistischen Genossen: „Hartkantig, geometrisch hat Jürgen Peters sein Radiogerät Stereo-72 geformt, das in einem elektromedizinischen Therapieraum sich kaum von anderen Geräten unterscheiden und deshalb auch dort hineinpassen würde. Aber eine Wohnung ist doch kein Labor. Ist die Jury wirklich der Meinung, dass eine derartige ,Versachlichung‘ der Wohnsphäre übereinstimmt mit dem optimistischen Lebensgefühl des sozialistischen Menschen?“, fragte das „Neue Deutschland“.

Registrar Thorsten Krause vom Haus der Geschichte zeigt das „Modell: Lautsprecher Stereobox Stereo 72 IV aus dem Jahr 1962.Foto: Maurizio Gambarini/Funke FotoservicesEin Ritual im Bild

Marina Müller-Wiener ist stellvertretende Leiterin des Museums für Islamische Kunst, das seine Objekte im Pergamonmuseum auf der Museumsinsel präsentiert. Allerdings nicht alle. Zu den Schätzen im Depot gehört dieses Albumblatt der Mogulschule aus dem Jahr 1615. Es zeigt das Fest des Fastenbrechens.

Martina Müller-Wiener, stellvertretene Direktorin des Museums für Islamische Kunst, zeigt ein Albumblatt der Mogulschule aus dem Jahr 1615.Foto: Maurizio Gambarini/Funke FotoservicesDas Gerippe eines Bombers

Seit 30 Jahren leitet Dietmar Ruppert das Depot des Deutschen Technikmuseums an der Trebbiner Straße in Kreuzberg. Hier sitzt er in den Überresten einer Heinkel He 111. Die zweimotorigen Flugzeuge wurden zwischen 1935 und 1944 hergestellt, dieses Exemplar höchstwahrscheinlich in Dessau. Es handelte sich um einen mittleren Bomber, einen sogenannten Standardbomber. Sein Pilot landete damit 1940 auf einem zugefrorenen See im norwegischen Trondheim. Es kam zu einem Wetterumschwung, das Eis brach – und die Heinkel sank auf 80 Meter Tiefe.

Depotleiter Dietmar Ruppert vom Deutschen Technikmuseum in Berlin zeigt den Rumpf einer Heinkel He 111, die im Jahr 1939 gebaut worden ist.Foto: Maurizio Gambarini/Funke Fotoservices

Erst im Jahr 2003 wurde sie gefunden und von Mitarbeitern des Technikmuseums konserviert und gereinigt – ein zeitaufwendiger und übrigens auch geruchsintensiver Vorgang. Dietmar Ruppert und seinem Team sind noch vier von damals 7000 gebauten Exemplaren der Heinkel He 111 bekannt – das hier abgebildete ist das einzige, das sich in Deutschland befindet. Es kann aus Platzmangel nicht ausgestellt werden. Das ginge nur am Flugplatz Tempelhof, sagt Ruppert.

Eine Waffe aus alter Zeit

Sven Lüken ist Fachbereichsleiter Militaria am Deutschen Historischen Museum Unter den Linden. Zu seinen Lieblingsobjekten gehört diese Jagd- und Schützenarmbrust aus dem Jahr 1576, mit deren Pfeilen man bis zu 60 Meter weit zielsicher schießen konnte. Sie stammt aus der Waffensammlung des Prinzen Carl von Preußen, hat also wohl eine adlige Geschichte. Ab dem 20. September und bis zum 8. März zeigt das Deutsche Historische Museum die Ausstellung „Die Armbrust – Schrecken und Schönheit“.

Sven Lüken, Fachbereichsleiter Melitaria im Deutschen Historischen Museum, zeigt eine Armbrust aus den Jahr 1576.Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

morgenpost.de Felix Müller
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