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2019-08-20 23:35:19

Hamburg. Es hat auch für Besucher etwas Beruhigendes, wenn der Intendant im offenen und kuscheligen Kassen-Kabuff innerhalb des Foyers sitzt und die Karten ausgibt. So handhabt es Frank Thannhäuser zur eigenen Entspannung und in aller Bescheidenheit gern auch bei Premieren, im Fall von „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ sogar bei einer deutschen Erstaufführung mit Musik.

Seine Hauptarbeit hatte Thannhäuser, wie fast immer in den vergangenen 25 Jahren Regisseur und Ausstatter in Personalunion. schon zuvor geleistet. Auch wenn es zum Jubiläum des Imperial Theaters ein besonderes Wagnis gewesen zu sein schien, mit „M“ ein Meisterwerk der Filmkunst zu adaptieren, nehmen einen die elf Schauspieler, die Kostüme und die Kulisse schnell gefangen.

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Anspielungen auf Hamburg - mitsamt Pinneberg

Zwei große verschiebbare ,Holztreppen bilden den Hauptteil der Bühne auf der Jagd nach dem Mörder, der bereits acht Kinder auf dem Gewissen hat. Anders als in Fritz Langs Filmklassiker von 1931, der in Berlin spielte, gibt es hier ein paar Anspielungen auf Hamburg - mitsamt Pinneberg.

Dazu kommen neun von Marko Formanek eigens für das Imperial komponierte Lieder, die das Geschehen und die aufkommende Massenhysterie um Ängste und das Denunziantentum verstärken oder auch mal untermalen. „Was in unserer Stadt in der Zeitung steht“, jeweils zu Beginn des ersten und zweiten Aktes vom Ensemble gesungen, ist da nur ein gutes Beispiel. Immer wieder gleiten Soli in Duette über; Stefanie Wennmann, Iris Schumacher (jeweils in Mehrfach-Rollen) und Bianca Arndt – die beiden Letztgenannten vom Musical-Fach – stellen ihre Schauspielkollegen dabei gesanglich mehrmals in den Schatten. Arndt glänzt als Halbwelt-Göttin Die schöne Theodora außer mit ihrem Mezzosopran zudem mit starker Präsenz.

Schauspieler-Sänger Formanek ist im „Rausch“

Doch „M“ ist im Imperial, das bis 2003 ein Musiktheater war, ehe es zu Deutschlands erfolgreichster Krimibühne wurde, gottlob kein typisches Musical. Sönke Städtler gibt als Gangster-Boss Der Schränker wieder mal treffend den Bösewicht vom Dienst, der in diesem Fall auch Bettler bei der Mördersuche einspannt. Und Schauspieler-Sänger Formanek zeigt sowohl im Lied „Der Rausch“ als auch darstellerisch die Facetten eines getriebenen und krankhaft-verzweifelten Mörders, bis er am Ende eines Show-Prozesses wie ein Häufchen Elend auf dem Stuhl kauert.

In der Rolle des Hans Beckert droht er ein Opfer der großstädtischen Unterwelt zu werden. Wie die Filmvorlage ist auch dieser „M“ eine Mischung aus Gesellschaftsdrama, Thriller und satirischer Überzeichnung auf die Ängste des Menschen – Schwarm-Intelligenz und Shitstorms lassen aktuell grüßen.

Lynchjustiz auf Rheinländisch

Und: Die Bühnenadaption des Imperials überrascht sogar mit einigen komödiantischen Szenen und komischen Momenten: Iris Schumacher nimmt als schwerhörige ältere Vermieterin Beckerts Anleihen bei alten Ohnsorg-Lustspielen, Janis Zaurins und Dieter Schmitt greifen als Kommissare Groeber und Lohmann lange Zeit bewusst daneben, und Patrick Michel hat als Paul der Taschendieb, der ständig auf Rheinländisch über Lynchjustiz räsoniert, die Lacher sicher.

In seinen nunmehr 16 Jahren als Krimitheater hat sich das Imperial bisher einen Flop erlaubt. Thannhäuser und sein engagiertes Team haben mit ihrer Fassung von „M – Ein Stadt sucht einen Mörder“ viel, wenn nicht sogar alles dafür getan, dass es so bleibt. Am Anfang der Reeperbahn spielt „M“ – wie die Musik.

„M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ wieder 22.8., bis 22.2.2020, Do–Sa, jew. 20.00, Imperial Theater (U St. Pauli), Reeperbahn 5, Karten zu 21,- bis 40,-. T.: 31 31 14; www.imperial-theater.de


abendblatt.de Stefan Reckziegel
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