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2019-08-20 23:27:43

Als Olaf Scholz in der vergangenen Woche dazu entschied, sich entgegen seiner früheren Aussage doch für das Amt des SPD-Vorsitzenden zu bewerben, da war für ihn klar, dass er nicht allein, sondern zusammen mit einer Frau antreten wollte. Schließlich bezeichnet sich der 61 Jahre alte Vizekanzler und Bundesfinanzminister gern als „Feminist“. Eine bestimmte Frau aus der deutschen Sozialdemokratie konnte es allerdings nicht sein: seine eigene. Britta Ernst ist seit mehr als vierzig Jahren in der SPD aktiv und seit mehr als zwanzig mit Scholz verheiratet. Seit fast zwei Jahren ist sie Bildungsministerin in Brandenburg.

Reinhard Bingener

Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

Doch weit musste Scholz nicht suchen. Denn Klara Geywitz kommt ebenfalls aus Brandenburg und wohnt wie das Ehepaar Scholz/Ernst in Potsdam. Die 43 Jahre alte Sozialdemokratin ist bundesweit bisher wenig aufgefallen, den Brandenburgern aber ist sie seit langem ein Begriff. Zuletzt hatte sie als Vorsitzende des Innenausschusses von sich Reden gemacht, als sie, zusammen mit Politikerinnen der Grünen und Linken, sich für das erste Paritätsgesetz stark machte, das ein Parlament in Deutschland beschlossen hat und das darauf zielt, dass gleich viele Frauen wie Männer im Parlament vertreten sein sollen.

Geywitz ist ein eigener Kopf, entscheidungsstark und selbstbewusst. In Brandenburg war sie bis vor zwei Jahren Generalsekretärin der SPD. Doch dann trat sie von dem Amt zurück, als der brandenburgische Ministerpräsident und SPD-Vorsitzende Dietmar Woidke das Kernprojekt der rot-roten Koalition, die Kreisgebietsreform, auf einem Parkplatz in der brandenburgischen Provinz vor Journalisten absagte, ohne dass er diese Entscheidung mit seiner Generalsekretärin zuvor besprochen hatte. Geywitz, die eine zugängliche Natur hat, kann eben auch stur sein. Das wiederum verbindet sie mit Scholz, ebenso wie ein trockener Humor. Woidke lobte sie dennoch am Dienstag. Er habe sich „persönlich“ für das Team Geywitz-Scholz eingesetzt und werde dem Landesvorstand der SPD Brandenburg empfehlen, beide in den nächsten Tagen „als Parteivorsitzende zu nominieren“, so Woidke in einer Presseerklärung. Geywitz selbst sei für „die ostdeutsche Sozialdemokratie eine hervorragende Wahl“.

Scholz und Geywitz verbindet keine langjährige Freundschaft, doch beide schätzen sich. Beide sind pragmatisch orientierte Sozialdemokraten. Durch Scholz‘ familiäre Anbindung an Brandenburg hatten sie in jüngster Zeit mehr miteinander zu tun, gingen auch mal privat essen. Geywitz hatte Scholz auch für ihren Wahlkampf zu einer Veranstaltung in Potsdam gewinnen können, an diesem Mittwoch tritt er am Abend zusammen mit ihr auf. Am Vormittag wollen beide ihre Kandidatur in Berlin vor der Bundespressekonferenz vorstellen. „Als Tandem mit unseren unterschiedlichen Lebenswegen“ wollten sie „neue sozialdemokratische Antworten“ und gemeinsam die SPD wieder stark machen. Als Kernpunkte nennen sie wirtschaftliche Dynamik, einen starken Sozialstaat, Solidarität, Klimaschutz und die Gleichstellung von Mann und Frau, heißt es in einer Erklärung vom Dienstag.

Bundespolitisch ganz unbeleckt ist Geywitz allerdings nicht. Seit zwei Jahren sitzt sie als Beisitzerin im Bundesvorstand der SPD, sie war auch einmal als Generalsekretärin im Willy-Brandt-Haus im Gespräch gewesen. Aufgewachsen ist die Mutter dreier Kinder, darunter Zwillingssöhne, in Potsdam, dort schloss sie ihr Studium als Diplom-Politologin ab. In die SPD trat sie mit 18 ein, war Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in Potsdam. Für den Abgeordneten Steffen Reiche, einem der Gründer der SPD in Brandenburg zu Zeiten der friedlichen Revolution, war sie als Mitarbeiterin tätig, der Pastor hat auch ihre Kinder getauft. Liiert ist Geywitz mit einem Unternehmensberater, der früher als Journalist und später als Berater und Redenschreiber für Frank-Walter Steinmeier tätig war, als der zum ersten Mal Außenminister war. In den Brandenburger Landtag zog Geywitz 2004 als Direktkandidatin für Potsdam-Innenstadt ein, verteidigte diesen Wahlkreis seitdem zweimal erfolgreich. Das wird ihr voraussichtlich am 1. September bei der Landtagswahl in Brandenburg nicht gelingen. Denn die Grünen sind in Brandenburg und speziell in Potsdam so stark, dass die 28 Jahre alte Informatikerin Marie Schäffer ihr das Direktmandat abnehmen dürfte. Da Geywitz nur auf Listenplatz 10 der Landesliste der SPD gewählt wurde, ist ihr Einzug in den Landtag angesichts schwacher Umfragewerte der SPD, die zuletzt bei 16, 17 Prozent lagen, unwahrscheinlich. Dennoch ist die Potsdamerin unverdrossen mit ihrem roten Lastenfahrrad im Wahlkreis unterwegs. Für Olaf Scholz, der in der Bevölkerung deutlich beliebter als in seiner eigenen Partei ist, dürfte die gemeinsame Kandidatur jedenfalls ein Plus sein, da Geywitz als jüngere, ostdeutsche Frau andere SPD-Anhänger ansprechen kann als der Finanzminister.


faz.net Frankfurter Allgemeine Zeitung Gmbh
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